Ja, ja, der Patrick. Endlich bekommen wir einen Einblick in Mellis Vergangeheit!
Mein bester Freund war er gewesen und zugleich meine heimlich große Liebe: Ich hatte Patrick im 3. Semester im Proseminar ‚Paradise Lost’ an der Uni Köln kennengelernt, und wir hatten uns auf Anhieb bestens verstanden. Gemeinsam hatten wir uns tagsüber auf die Zwischenprüfung vorbereitet und nachts Köln unsicher gemacht. Ich war damals noch mit Lusche Stefan liiert gewesen, doch nach eineinhalb Jahren kam unsere Fernbeziehung zum Erliegen. Ich hatte gemerkt, wie viel mehr Spaß das Leben machte, wenn ich Zeit mit Patrick verbrachte. Wir machten alles zusammen! Er tröstete mich, als ich das Latinum vermasselte, und ich korrigierte seine Hausarbeiten. Er reparierte meinen Wasserhahn und ich kochte ihm Spaghetti ‚Müllerin Art’.
In der Endphase meiner Magisterarbeit geschah es dann. Eines Abends, anlässlich eines Zelttripps an einen verwunschenen See, ging mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung. Bei einem klischeekitschigen Sonnenuntergang sanken wir uns in die Arme. Ich war im 7. Himmel, verbrachte die Nacht meines Lebens, hatte Schmetterlinge auf der Nase und eine rosa Brille im Bauch. Alles auf einmal. Als ich endlich für zwei Stunden einschlief, träumte ich von Marzipanfiguren, die übermütig durch eine zuckrige Sahnetorte tobten.
Am nächsten Tag war Patrick schlecht drauf. „Zuviel Bier“, war seine mürrische Ansage. Ich wunderte mich – normalerweise vertrug er um einiges mehr – aber ich war natürlich einverstanden, sofort nach Hause zu fahren.
Unsere ‚Beziehung’ dauerte genau eine Woche. Sieben unerträgliche Tage, folgten dieser wunderbaren ersten Nacht. Zäh waren sie und von fahlem Geschmack wie Automatenkaugummi. Patrick schien mir auszuweichen, war viel unterwegs, und wenn wir dann doch mal zusammen waren, wollte sich die romantische Stimmung vom See nicht mehr einstellen.
Nach dieser Anstandsfrist gab er mir den Gnadenstoß und machte Schluss. Er sagte, es täte ihm leid, er habe sich am See total gehen lassen, er liebe mich nicht, das sei total scheiße von ihm, ich verdiene etwas Besseres als ihn, aber er wünsche sich nichts mehr, als das wir wieder Freunde sein könnten wie davor. Und ich entgegnete ihm, dass ich ihn liebe und dass auch ich gern weiterhin mit ihm befreundet sein wolle.
Dieser dämlichen Ansage verdankte ich zwei noch grauenhaftere Wochen: War Patrick ohne mich unterwegs, kauerte ich vor dem Telefon und wartete auf seinen Anruf. Ich war rastlos, konnte mich nicht konzentrieren und hatte nicht den geringsten Gedanken für meine Magisterarbeit übrig, während der Abgabetermin unweigerlich näher rückte. Rief Patrick endlich an, wartete ich auf ein liebes Wort. War er nett zu mir, wartete ich darauf, in den Arm genommen zu werden. Er jedoch blieb bewusst distanziert und hielt Abstand. Beim DVDgucken genau zwei Finger breit – nicht unhöflich weit aber auch nicht zweideutig nah. Er würde seinen Fehler, mir zu Nahe zu rücken, kein zweites Mal begehen. Ich aber saß neben ihm und lechzte danach, dass er es doch tat, nur noch einmal, nur noch einmal eine solche Wahnsinnsnacht in seinen Armen …
Love sucks!
Bevor ich komplett durchdrehte, warf ich meinen wichtigsten Kram, unter anderem meinen Laptop, in eine Reisetasche und stieg in den Zug von Köln nach Mainz – zu Kerstin, meiner ältesten Freundin. Wir kannten uns schon immer. Als wir klein waren, hatten wir Haus an Haus gelebt. Jahrelang waren wir Nachbarn gewesen, und so lange ich denken kann, waren Kerstin, meine kleine Schwester Linda und ich gut befreundet gewesen. Zwar hatten wir zu dem Zeitpunkt, als ich so plötzlich bei Kerstin auftauchte, schon länger keinen Kontakt mehr gehabt, außer einmal im Jahr an Weihnachten zu Hause. Aber nun, als ich drei Wochen heulend und zähneklappernd auf ihrem Sofa verbrachte, war alles wieder wie früher. Wie damals, als wir zusammen im Wohnzimmer gezeltet hatten, als wir das geheimnisvolle Betonrohr im Wald zum Stützpunkt unseres Detektivclubs auserkoren hatten oder auch als wir Andi, einen rotzigen Nachbarsjungen, der uns angespuckt hatte in den Bach geschubst hatten.
Nur Kerstin war es zu verdanken, dass ich mich wieder an den Schreibtisch setzte, um mir meinen Studienabschluss zu retten.
Nun war wohl ich mit dem Trösten an der Reihe.
„Freundschaft in der Liebe funktioniert nicht. Entweder man hat das eine oder das andere“, dozierte ich, während wir in die Küche gingen, um Tee zu kochen.
„Ich weiß“, seufzte Kerstin, „aber Frank ist einfach so …“
Und dann behandelten wir 52 Minuten lang ausführlich Franks diverse Vorzüge sowie seine liebenswerten Macken, 35 Minuten debattierten wir über die Widrigkeiten des Schicksals und weitere 77 Minuten philosophierten wir über die Schwierigkeiten der modernen Frau, aus dem Sumpf der männlichen Spezies einen Traummann zu angeln.
Zum Abschluss dieser Rundum-Seelenkur schenkte ich Kerstin meine einzige noch übrige Yasmin-Badekugel aus dem mir von Linda geschenkten Weihnachts-Wellness-Set, was einen echten Liebesbeweis darstellte. Dann steckte ich die beiden (Kerstin und die Badekugel) mitsamt dem neuesten Mari-Ann-Kapitel in die Wanne, wobei es sich bei letzterem selbstverständlich um ein besonders aufmunterndes Stück Erzähltext handelte.
Die Handlung hatte ich mittlerweile ein wenig modifiziert: Mari-Ann ist das Talent und die gute Seele der Agentur und wird von Seniorchef Wilhelm (endlich hatte ich die Namen geändert …) sehr geschätzt. Aus Eifersucht legen ihr Juniorchef Randolph (genannt Randy), Mari-Anns ehemaliger Liebhaber, der sie abserviert hat, weil er mit erfolgreichen Frauen nicht zurechtkommt, und Intrigantin Josephine ständig Steine in den Weg, über welche die langbeinige Mari-Ann jedoch souverän hinwegsteigt. Als sie eine viel versprechende Karrierechance bekommt und die Agentur verlassen möchte, erkennt Randy, wie sehr er Mari-Ann liebt. Aber es ist zu spät.
Und jetzt das absolute Szenenhighlight, das ich Kerstin während ihres Yasmin-Schaumbads zum Lesen gab:
Gerade schreitet Mari-Ann mit ihren letzten Habseligkeiten hinunter in die Aula. Kaum betritt sie die letzte Stufe, wirft sich Randy ihr mit Rosen in den Weg und fleht sie an, bei ihm zu bleiben.
„Ich liebe dich, Mari-Ann“, ruft er inbrünstig. Alle erstarren. Und starren! Der Paketlieferant, die Reinigungskraft und ihr Wischmopp, Steffi vom Empfang, die beiden Grafiker an der Kaffeebar, Wilhelm, der gerade von der Toilette kommt, und Josephine, die sich sowieso immer in Randys Nähe aufhält. (Alle Beteiligten sehen die Situation in einem anderen Licht und kommentieren sie in Gedanken, was insgesamt sehr witzig rüberkommt.) Doch Mari-Ann schreitet würdevoll an Rudi vorbei, der – wie ein Kieselstein, aschgrau, weggekickt und liegengeblieben – das Nachsehen hat, während sie in ein erfolgreiches Leben startet.
Kurz vor dem Ende kicherte Kerstin tatsächlich. Am Schluss meinte sie jedoch: „So geht das nicht! Zuerst der ganze Trivialroman-Blumenkitsch und dann lässt sie ihn abblitzen? Damit bescheißt du die Leser. So liebesromanmäßig, wie du schreibst, erwartet man ein Happy End. Also entweder heiratet sie ihn, oder du brauchst eine andere Story!“
„Aber das ist doch ein Happy End! Mari-Ann bekommt eine viel versprechende Stelle beim Möbel-Verband, dank ihrer Kompetenz und ihres Auftretens. Das ist Rockefeller reloaded. Von der ausgebeuteten Junior- Texterin zur Kommunikationsleiterin mit Spitzenverdienst.“
„Ja, aber ohne Liebe“, begehrte Kerstin auf und schaute gleich wieder ganz und gar unglücklich. Frauen! So werden wir nie gleichberechtigt.
„Außerdem wirkt die Story ziemlich konstruiert …“, mäkelte Kerstin weiter.
Sie sollte mal was von Elvira lesen, das wäre sicher heilsam.
„… denn woher soll plötzlich Randys Sinneswandel kommen? Einmal doof, immer doof, oder nicht?“
„Na vielleicht ist Randy einmal sehr von einer Frau verletzt worden und hat nun Schwierigkeiten eine dauerhafte Bindung einzugehen“, knurrte ich und nahm meine Zettel wieder an mich. Perlen vor die Säue!
„Ich weiß nicht …“
„Du hast gelacht!“
„Ja, eine gewisse Situationskomik lässt sich nicht leugnen“.
Na bitte. Ich musste ganz schön herumarrangieren, um die Situation so hinzukriegen.
„Die Story bleibt so und der Schluss bleibt auch!“, beharrte ich, „ich finde Frauen sollten heutzutage andere Ziele haben, als sich ihren Chef zu angeln. Selber Chefin werden ist jetzt angesagt“.
„Dann leg dir aber bitte einen weniger blumigen Schreibstil zu und lass vor allem Kniefall und Rosen weg! Das ist unrealistisch.“
Mist, nun war Kerstin wieder schlecht gelaunt. Aber vielleicht sollte ich die Handlung wirklich noch einmal auf Kohärenz und die Figuren auf ihre Handlungsmotivation hin prüfen. Puh, was für eine Arbeit.
Aber natürlich erzählte ich Kerstin nun erst einmal von Elvira.
„Wenn du weggehst, zieh ich hier aus“, murmelte Kerstin nach meinem Bericht.
„Wer sagt denn, dass ich weggehe? Ich muss die Stelle ja erst mal kriegen.“, murmelte ich zurück. Aber in Gedanken war ich schon wieder bei Hamburg und der schicken Stadtwohnung, die ich mir dort zulegen würde.